Soziales Netzwerk statt klassischer Paywall. Simon Kozlik baut das niederländische Start-up Blendle in Deutschland auf. Er ist überzeugt: Damit zahlen Menschen für Journalismus im Netz.

„Conversion-Rate“, sagt Simon Kozlik. Und ganz selbstverständlich Dinge wie „Head of Operations“, „Business Development“ oder „Venture“. Kozlik stammt aus der Berliner-Start-up-Szene. Groupon, yourpainting, eKomi und shopnow – in den letzten Jahren hat er einige Start-ups von innen erlebt. Vorher hat der 28-jährige BWL in Frankfurt, Argentinien und Finnland studiert. Jetzt ist er Senior Manager Business Operations & Development Germany bei Blendle, sagt sein LinkedIn-Profil.

Viele Menschen haben grundsätzlich ein Interesse an gutem Journalismus

Blendle, das ist eine Mischung aus digitalem Zeitungskiosk und sozialem Netzwerk. Artikel aus Zeitungen und Zeitschriften können einzeln gekauft und geteilt werden. Gekauft? Mit Geld? Im Internet? Auf den ersten Blick scheint das Konzept absurd. Viele Verlage haben Paywalls ausprobiert, selten hat es geklappt. Doch Kozlik ist überzeugt: „Wir denken, dass viele Menschen grundsätzlich ein Interesse an gutem Journalismus haben, aber bisher nicht die Plattform zu Verfügung hatten, um diesen guten Journalismus auch zu finden.“

Und Kozlik hat Anlass zu Optimismus. In den Niederlanden klappt das Konzept bereits. Im ersten Jahr haben sich auf der Seite rund 400.000 Menschen angemeldet – bei insgesamt rund 16,8 Millionen Einwohnern. Gegründet wurde das niederländische Blendle 2013 von Marten Blankensteijn und Alexander Klöpping. Im April 2014 ging die Seite online.

Laptops und Mate

Für Blendle.nl arbeiten in Utrecht inzwischen rund 60 Mitarbeiter. In Deutschland sind es bisher nur vier. „In Berlin haben wir einen kleinen netten Space in Prenzlauer Berg. Ein netter Altbau. Kahle Wände, viele Tische. Und auf den Tischen steht nichts außer Laptops und Mate-Flaschen.“

Nicht nur das Büro von Blendle klingt nach dem jungen Berlin – auch Blendle selbst: „Dein geschenktes Guthaben von 2,50 € ist jetzt aktiviert. Du kannst also sofort anfangen zu lesen. Leg los, und viel Spaß!“, heißt es, wenn die Seite das erste Mal geöffnet wird. Statt mit einem Okay-Button zu bestätigen, klickt man „supernett“.

Drohnen, VW Passat oder Nina

Blendle erinnert mit seiner Kacheloptik ein wenig an Pinterest. Allerdings läuft der Newsfeed statt von oben nach unten, von links nach rechts. Blendle hat wenig mit den klassischen e-Paper-Ausgaben der Verlage zu tun. Die Artikel fügen sich harmonisch in das Netzwerk ein – das Layout der Texte bleibt trotzdem nah am Original. Bilder, Schriftarten und Logos der Zeitungen und Zeitschriften werden übernommen.

KioskDuitsJe nach Interesse des Users schlägt Blendle eine große Seite-3-Reportage über Drohnen aus der Süddeutschen Zeitung, ein Fahrbericht des VW Passat aus der Autobild oder Nina in den ehrlichen Kontaktanzeigen aus der Neon vor – 79 Cent, 49 Cent und 15 Cent.

Ich mag keine Paywalls

Kozlik sagt, er habe im Internet noch nie für Medien und Journalismus bezahlt. „Paywalls und mehrere Accounts machen es unglaublich schwierig, Qualitätsjournalismus zu konsumieren. Das mag ich nicht.

Bei Blendle ist das einfacher. Es funktioniert wie ein Prepaid-System. Zwischen 5 und 50 Euro können in das Portemonnaie geladen werden. „Besonders bei jungen Menschen muss das Bewusstsein wieder geschärft werden, dass guter Journalismus auch kostet“. Der Vorteil von Blendle: Hat ein Artikel nicht gefallen, kann er mit einem Klick zurückgegeben werden und das Geld wird sofort wieder gutgeschrieben.

Jens Nowotny empfiehlt Sportthemen

Auch sonst wendet sich Blendle eher an jüngere User. „Viele haben nicht so viele  Erfahrungen mit solchen Publikationen und informieren sich sonst über ihren Facebookfeed“. Blendle funktioniert daher auch wie ein Soziales Netzwerk, ein bisschen wie man es vom Musikstreaming-Dienst Spotify kennt.

User können Freunden, Marken, Journalisten oder Themen folgen. „Wir haben so viel guten Journalismus auf der Plattform und jemand, der nur begrenzt Zeit hat, wird es gar nicht schaffen, die Stücke zu finden, die für ihn auch wirklich interessant sind.“ Daher empfehlen ausgewählte Kuratoren regelmäßig ihre Lieblingsartikel auf Blendle.

Neben Journalisten sind das auch Personen, die sich besonders gut mit einem bestimmten Thema auskennen. So ist beispielsweise Jens Nowotny, ehemaliger Fußballnationalspieler, für die Sportthemen dabei.

Neugierig, medien- und techaffin

Aktuell arbeitet Kozlik mindestens zehn Stunden am Tag. „Ich versuche das möglichst gar nicht zu zählen, um mich nicht selber verrückt zu machen. Das ist ganz normal in der heißen Phase. Man weiß ja vorher worauf man sich einlässt.“ Blendle ist schließlich nicht das erste Start-up, in dem Kozlik arbeitet.

„Ich bin ein neugieriger, medien- und techaffiner Mensch aus Berlin, der aus der Start-up-Welt kommt“, sagt Kozlik über sich selbst. Er selbst ist die Zielgruppe von Blendle: jung, gut ausgebildet, techaffin – ob die für Journalismus im Internet bezahlen will, wird sich zeigen. Klar ist aber, Blendle steht und fällt mit seinen Kuratoren. Wenn Blendle es schafft, im Medienrauschen ein Wegweiser für gute Texte zu sein, ist das ein Mehrwert, für den es sich zu bezahlen lohnt.

Foto im Text: Blendle