Aus YouTube-Schnipseln und Skype-Gesprächen macht Stephan Lamby Journalismus auf seiner Videoseite Dbate. Nun gibt es Geld vom Fernsehen.

Die jungen Frauen filmen ihre zerbombte Nachbarschaft. Plötzlich pfeift es durch die Luft, ganz in ihrer Nähe schlagen Geschosse ein. Die beiden rennen zu einem Treppenhaus. Die Tür ist verschlossen. Gegensprechanlage, endlich öffnet sich die Tür. Runter in den Keller. Oben reißt eine Explosion die Tür aus den Angeln. Die zwei Studentinnen schildern diese Szenen aus ihrer Heimatstadt Donezk. Ein Interview via Skype aus der Ukraine. Zusammen mit Amateuraufnahmen entsteht daraus ein Videotagebuch auf der Webseite Dbate.

Stephan Lamby hat die Seite gegründet. Seit November 2014 präsentiert er dort seine Interpretation von Mitmach-Journalismus: Er findet Augenzeugen und Kameraleute auf YouTube. Lamby kontaktiert die Filmer, fragt nach Rohmaterial, führt Skype-Interviews und bereitet alles professionell auf. “Wir können Themen setzen, von denen wir das Gefühl haben, sie kommen im Fernsehen zu kurz. Und wir können Formate entwickeln und Geschichten erzählen, die man so dort nicht machen könnte.”

Neben Videotagebüchern gibt es auf Dbate Skype-Talks, lange Interviews, Fundstücke aus dem Netz und Kolumnen von Videobloggern zu den unterschiedlichsten Themen. Nach einem Blick auf die Seite muss man sich fragen, warum vorher niemand so konsequent auf Webclips gesetzt hat. Nur Katzenvideos sucht man auf Dbate vergeblich. “Unser Motto heißt ja auch: No pets, no porn”, sagt der Dokumentarfilmer. Der 55-Jährige glaubt daran, dass im Internet auch Platz für ernsthaften Journalismus ist.

Das Motto des Projekts entstand an dem großen ovalen Tisch in seinem Hamburger Büro. Ganz in der Nähe des Hafens sitzt Lamby mit seiner Produktionsfirma Eco Media, die er 1997 gegründet hat: “Damit ich nicht abhängig bin vom Wechsel von Programmdirektoren oder kurzfristig schlechten Quoten. Ich habe bewusst die Komfortzone verlassen.”

Dafür gab er seine Stelle als Redaktionsleiter und Moderator beim Fernsehmagazin der Zeit auf, das in den neunziger Jahren wöchentlich auf Vox gesendet wurde. “Am Anfang lief das nicht besonders, die ersten Jahre waren fürchterlich hart. Wir haben mit ein, zwei Filmen im Jahr angefangen. Jetzt machen wir 45 oder 50.” Lamby produzierte lange Zeit vor allem klassische Fernsehdokumentationen, Politik und Wirtschaft, Porträts von Helmut Kohl, Angela Merkel, Fidel Castro, Peer Steinbrück.

Im Zickzack zum Erfolg

Sein Bücherregal ist vollgestopft mit ihren Biographien. Lamby blickt aus dem Fenster auf das Gebäude des Verlagsriesen Gruner und Jahr. “Da werden möglicherweise bald Büroflächen frei. Die scheinen mir auf die Krise des Printjournalismus vor allem zu reagieren, indem sie Leute entlassen. Kann man machen, das ist aber destruktiv. Vor allem wenn man meint, nur das Internet sei Schuld an der Krise des Journalismus”, sagt er.

“Man braucht da nicht so schrecklich viel Geld, man braucht Ideen. Das ist natürlich beängstigend für diejenigen, die Journalismus vor allem als betriebswirtschaftliche Größe begreifen.”

Er versteht das nicht. Das Internet sei keine Bedrohung, sondern eine Chance, eine großartige Spielwiese, auf der man Sachen ausprobieren könne. Aus diesem Impuls heraus entstand Dbate. “Man braucht da nicht so schrecklich viel Geld, man braucht Ideen. Das ist natürlich beängstigend für diejenigen, die Journalismus vor allem als betriebswirtschaftliche Größe begreifen.” Er nickt mit den Kopf Richtung Fenster.

Journalist und Dokumentarfilmer wurde Lamby über Umwege. Eigentlich wollte er Lehrer werden, dann Musiker, gründete mit Freunden eine Musikzeitschrift. Nach dem Studium zog er mit seinem Saxophon, einem Schlafsack und ein bisschen Kleidung nach New York. Ein Jahr lang verdiente er seinen Lebensunterhalt mit Interviews von Jazzgrößen, darunter auch Miles Davis. Dann ging er drei Monate nach Brasilien, berichtete über die Musiker dort. “Ich wollte so weiterleben. Ich wollte eigentlich nicht sesshaft werden.”

Doch es kam anders: Er erhielt eine Stelle bei Radio 107 in Hamburg, wurde nach vier Jahren stellvertretender Chefredakteur. Dann bewarb er sich bei RTL. “Ich hab dann ein Jahr lang Frühstücksfernsehen gemacht. Und das war kein gutes Jahr”, sagt Lamby. Er lernte dort zwar das Handwerk, hätte sich journalistisch aber nicht weiter entwickeln können. “Ich war dort in einer Außenseiterrolle. Ich hatte den Ruf, derjenige zu sein, der die Artikel bis zum Ende liest.” Er verließ RTL, moderierte einige Sendungen der ARD-Talkshow “talk täglich”, wechselte dann zum TV-Magazin der Zeit. Schließlich machte er sich selbstständig.

Für seine Dokumentationen wurde er bereits mehrfach geehrt, unter anderem mit dem Deutschen Fernsehpreis und dem Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis. “Mit Stephan Lamby zeichnet die Jury einen Autoren und Produzenten aus, der sich seit Jahren – gegen alle Trends – der Konzeption und Herstellung von Fernsehfilmen höchster Qualität verschrieben hat”, heißt es in der Begründung der Jury des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises. Die Trophäen drängeln sich ungeordnet auf einer der Fensterbänke.

Professionelle Dokumentationen mit unkonventionellen Mitteln

Sirenen heulen, wieder und wieder ertönt ihre Warnung. Doch die Wassermassen überollen bereits das Land. Es sind Aufnahmen des Tsunamis, der im März 2011 auf die Küste Japans trifft. “Wir haben uns als Dokumentarfilmer die Frage gestellt, wie man dazu sehr schnell einen Film machen kann. Das ging aber nicht, weil wir von den Sendern auf die Schnelle nicht das Budget auftreiben konnten. Man konnte nicht in die Gebiete reisen, da gab es Radioaktivität, Stromausfälle.”

Lamby wollte sich damit nicht zufrieden geben und suchte einen Weg, einen Film ohne Sender, ohne Auftrag und ohne großes Budget umsetzen zu können. Er stieß dabei auf eine eigentlich simple Lösung: Amateurmaterial aus dem Internet. In nur vier Wochen entstand so eine Dokumentation über den Tsunami.

“Der ursprüngliche Impuls war also nicht ein cleveres Geschäftsmodell. Wenn es uns ums Geld alleine gehen würde, müssten wir Schmink-Tutorials zeigen oder Muskelfilme von jungen Männern. Auf letzteres fahren meine beiden Söhne eher ab.” Stephan Lamby schmunzelt. “Unser Impuls war erstmal, Geschichten zu erzählen, die wir mit den herkömmlichen Mitteln nicht erzählen können. Jedenfalls nicht so schnell.”

“Wenn es uns ums Geld alleine gehen würde, müssten wir Schmink-Tutorials zeigen oder Muskelfilme von jungen Männern.”

Nachdem ZDF Info den Film übernommen hatte, produzierte Lamby weitere Videotagebücher. Der Profi-Filmer hatte das Internet für sich entdeckt. Schließlich gründet er Dbate, um Formate zu entwickeln und weiterzuspinnen. Mit dem Verkauf der Rechte an den Videotagebüchern verdient er, für das Material selbst zahlt er kaum etwas. Das gibt ihm den wirtschaftlichen Freiraum, auf seiner Plattform neue journalistische Möglichkeiten zu testen. Auch andere glauben an seine Idee: Dbate kooperiert mit Spiegel TV und dctp, ZDF Info und dem WDR.

Lamby ist zufrieden, das nächste Jahr ist bereits finanziert. “Ich glaube, das ist eines der wenigen Angebote im Internet, die von Anfang an rentabel sind”, meint er. Durch seine Firma hat er aber auch ein funktionierendes Netzwerk. “Die Sender wissen, dass wir keinen Schrott produzieren.” Lamby freut sich, denn jetzt könne er noch freier Themen setzen: “Wir können jetzt einen Film machen, ohne dass wir einen Auftrag haben. Einfach, weil wir es wichtig finden.”