Nicolas Kayser-Bril weiß, wo er gute Geschichten findet: im Zahlenchaos. Die Werkzeuge für seine Arbeit programmiert der Datenjournalist selbst – und hilft damit Redaktionen weltweit.

„Fuck. Shit.“ Wenn es um seine Arbeit geht, spricht Nicolas Kayser-Bril lieber Englisch. Sein französischer Akzent ist dabei kaum zu hören. In der Berliner Start-up-Szene reden eigentlich alle Englisch miteinander, selbst die Deutschen. Sie schwärmen von ihren Ideen und hoffen auf Erfolg.

Im Sport geht es ja auch um Zahlen und die finden alle spannend.

Die Idee von Kayser-Bril: Zahlen interessant machen. Er glaubt an die Stärke von Zahlen, gerade im Journalismus. Sie bedeuten schließlich etwas. „Im Sport geht es ja auch um Zahlen, und die finden alle spannend“, sagt er. Darum hat er zusammen mit seinem Freund Pierre Romera vor vier Jahren eine Firma gegründet. Bei Journalism++ wollen die „news nerds“, wie sie sich selbst bezeichnen, Nachrichten und Technologie zusammenbringen.

Mittlerweile ist daraus ein beachtliches Netzwerk geworden: In Paris und Berlin haben sie Büros, aber auch in Köln, Amsterdam, Porto und Stockholm gibt es Journalism++. „Die Kollegen benutzen unseren Namen, sind aber unabhängig“, sagt Kayser-Bril, “so sehen wir größer aus, als wir sind.“ Sie betreiben Journalismus als Franchise-Geschäft.

Vom Datenmonster zur Erfolgsgeschichte

Der Grundsatz von Journalism++: Teamwork. Jeder steuert bei, was er am besten kann. Kayser-Bril kann gut mit Zahlen umgehen. Der 29-Jährige sammelt, prüft und analysiert Daten, um sie dann visuell darzustellen. So erzählt er Geschichten wie die von Samiyou Djimado aus Benin. Aus Angst vor Abschiebung hat der Afrikaner im Juni 2013 in Belgien Suizid begangen. Er ist einer von 27.000 Flüchtlingen, die seit dem Jahr 2000 auf dem Weg nach Europa ums Leben gekommen sind.

Kayser-Bril und ein Team von europäischen Journalisten haben ihre Daten sorgfältig recherchiert und in einer riesigen Datenbank gesammelt. In den Migrants Files sind Todesursache, Todesort, Herkunftsland, Alter und Geschlecht der toten Flüchtlinge dokumentiert. Ein datenjournalistisches Mammutprojekt, das 2014 mit dem Data Journalism Award ausgezeichnet wurde.

Ohne Teamwork wäre das nicht möglich gewesen. „Journalisten müssen Projektmanager sein“, erklärt Kayser-Bril. „Sie müssen alle Kompetenzen zusammenbringen, organisieren und koordinieren, um eine Geschichte so gut wie möglich zu erzählen.“ Deshalb arbeiten bei Journalism++ immer mehrere Leute an einem Projekt. So können sie ein Komplettpaket aus Investigation, Software-Entwicklung, Beratung, Design und Training anbieten.

Ist das noch Journalismus? „Es ist sogar Journalismus in seiner klassischen Form”, sagt Kayser-Bril. “Wir liefern die Grundlage für jeden Artikel. Wir recherchieren investigativ und setzen durch unsere Projekte Themen.” Die gesammelten und aufbereiteten Daten können Journalisten dann für ihre Beiträge nutzen. So wie etwa Autor Dominik Fürst: Die Migrants Files bieten “derzeit den genauesten Blick darauf, was sich an den Grenzen Europas abspielt – nicht nur für Journalisten und Politiker, sondern auch für die Öffentlichkeit”, schreibt er auf Süddeutsche.de.

Journalisten müssen programmieren können

Nicolas Kayser-Bril hat weder eine klassische Ausbildung zum Journalisten gemacht, noch hat er jemals in einer Redaktion gearbeitet. Er studierte Wirtschaftswissenschaften in Lille, darauf folgte ein Master in Medienwirtschaft im britischen Norwich. Schon als Kind lernte er von seinem Vater das Programmieren. Während der Schulzeit nahm er ein paar Aufträge im IT-Bereich an, hörte aber wieder auf, als er an die Uni kam. Programmieren war etwas für Nerds und er wollte nicht uncool sein.

Wenn man nicht programmieren kann, ist man immer abhängig von Leuten, die es können.

Heute sind Journalisten, die programmieren können, der Inbegriff von Coolness. “Es ist ein absolutes Muss“, sagt Kayser-Bril. Wenigstens die Grundlagen müsse jeder Journalist beherrschen, um das Beste aus einer Geschichte machen zu können. “Wenn man nicht programmieren kann, ist man immer abhängig von Leuten, die es können”, sagt er. Oder von Content Management Systemen, wie sie die großen Redaktionen haben. Die seien “shitty”, viel zu undynamisch und längst überholt.

Journalisten wüssten oft nicht, wie man einen Text optisch und inhaltlich aufwerten kann. “Meistens sind es die kleinen Dinge, die Spaß beim Lesen machen“, sagt er. Etwa ein Zähler am Seitenrand, der eine aktuelle Fallzahl anzeigt, die sich während der Lektüre verändert – schon hat der Leser eine interessante Zusatzinformation. “Moderner Journalismus findet online statt, interaktiv und multimedial”, sagt er. “Wir haben die große Chance, nicht mehr an starre Formate wie Fernsehen oder Papier gebunden zu sein.”

Tools für Journalisten, die das Arbeiten erleichtern

Was für den Leser eine kleine Spielerei ist, kann für Journalisten eine langwierige Recherche in Datenbergen bedeuten. Um die Arbeit zu erleichtern und zu verbessern, entwickelt das junge Team von Journalism++ Tools für Journalisten und Redaktionen. Die meisten Projekte sind Open-Source-Tools, also für jeden frei zugänglich.

Zum Beispiel das Programm Detective.io, mit dem auch die Migrants Files entstanden sind. Es speichert Daten, analysiert Netzwerke und visualisiert sie. “Das Besondere ist, dass mehrere Journalisten gleichzeitig an einer Datenbank arbeiten können”, erklärt Kayser-Bril. “Und man kann jederzeit vom Handy darauf zugreifen und Daten hinzufügen.” Detective io ist der Nachfolger des Datawrapper. Mit dem Tool sollen Journalisten einfach und schnell eigene Grafiken erstellen können. Mittlerweile nutzen Washington Post, Guardian, Berliner Morgenpost, BuzzFeed und Twitter seine Tools. Für Journalism++ ist das immer auch Werbung.

Dabei wollte Kayser-Bril, als er 2009 nach Berlin kam, eigentlich nur Urlaub machen. Nach dem Studium ein wenig den Berliner Lifestyle genießen. Aber weil zu Hause in Frankreich nur die Wirtschaftskrise wartete, blieb er einfach.

In der Hauptstadt ist er nicht mehr so häufig anzutreffen. Stattdessen tourt er durch Europa. “Ich muss Leute treffen, an Konferenzen teilnehmen und Vorträge halten“, sagt Kayser-Bril. Es geht ums Business, um Aufträge als Datenjournalist, Programmierer, Entwickler oder Dozent. Er will der Medienwelt beim Wandel helfen. Medien als solches gebe es nicht mehr. “In Zukunft wird alles mit dem Internet verbunden sein, Kühlschränke, Brillen, Betten, alles”, sagt er. ”Es gibt  nur noch Informationen und Inhalte. Und es gibt Leute, die diese Inhalte produzieren.”