Menschen am Bildschirm abschießen — ist das noch Journalismus? Marcus Bösch probiert genau das aus, erzählt Nachrichten mit Hilfe von Videospielen. Noch sind viele Redaktionen skeptisch. Dabei gelingen ihm mitreißende Geschichten.

Der Auftrag: Dem US-Geheimdienst NSA helfen. Noch kurz auf der Weltkarte eine Region auswählen, dann fliegt der Agent als blauer Astronaut durch die Cyberwelt und schießt mit roten Pfeilen private Fotos von echten Menschen ab. Jeder Treffer ist ein Punkt. Nach ein paar Sekunden endet das Spiel, immer mit dem gleichen Ergebnis: Unter den Getroffenen waren keine Terroristen. Ein Zitat aus der Antrittsrede des ehemaligen US-Präsidenten John F. Kennedy erscheint: “Ask not what America will do for you, but what together we can do for the freedom of man.”

Das ist “Prism – The Game”, das erste deutsche Newsgame. Entwickelt haben es Marcus Bösch und Linda Kruse. Zusammen studierten sie in Köln Game Development and Research, im November 2012 gründeten sie ihre Spielefirma The Good Evil. “Prism – The Game” wurde nach einem Spähprogramm der NSA benannt. Es ist ein Prototyp, produziert in nur vier Tagen. Die Bilder kamen von Instagram. Auf spielerische Weise sollten Nutzer die staatlich finanzierte Massenüberwachung erklärt bekommen. Laut Bösch ist das Vorgehen der NSA “ein in der Geschichte der Menschheit so noch nicht bekannter Eingriff in Persönlichkeitsrechte, der in eine dystopische Zukunft weist.”

Mit Newsgames vereint Bösch zwei Leidenschaften. Denn eigentlich ist er Journalist. Bösch studierte Politikwissenschaft und Informationsverarbeitung in Köln und Cambridge. Er volontierte bei der Deutschen Welle in Bonn, Berlin und Brüssel. Zehn Jahre war er dort insgesamt, unter anderem als Moderator der Radiosendung Blogschau. Außerdem hat Bösch das Magazin Neue Probleme herausgegeben, die Datenvisualisierung zu 10 Jahre Wikipedia gemacht, das Lab-Blog geschrieben und wirkt bei der Internetsendung Datenschau mit.

Uninformierte Journalisten

Bis er feststellte, dass es für ihn mit dem Journalismus nicht so richtig weiter ging. Eine Sackgasse: “Ich hätte es mir jetzt auch gemütlich machen und den Job 30 Jahre weiter machen können, aber dafür ist es im Moment zu spannend. Aktuell ergeben sich Jobs, die es vorher noch gar nicht gab“, sagt Bösch. Der Journalist ging zurück an die Uni, wurde zum Game-Experten.

Dem deutschen Medienmarkt attestiert der 38-Jährige Nachholbedarf. „Die Kernkompetenz eines Journalisten sollte eine unstillbare Neugier sein“, sagt Bösch. Jedoch seien Journalisten in Deutschland “all zu oft langsam, desinteressiert und uninformiert, wenn es um technische Innovationen und gegenwärtige Gestaltungsmöglichkeiten der eigenen Branche geht”. Viele Kollegen würde nicht einmal englische Originalquellen lesen. Bösch will es besser machen.

“Ich bin kein klassischer Gamer, aber ich habe als Kind super viel gespielt, weil mein Vater bei Nixdorf Computer gearbeitet hat”, sagt Bösch. In Frankfurt am Main wurde er geboren, ist mit seiner Familie im Alter von drei Jahren nach Paderborn gezogen. Als er fünf Jahre alt war, brachte sein Vater die ersten alten Computer mit nach Hause. Bis Bösch zwölf war, hat er viele klassische Games gespielt. Heute beschäftigt er sich mit Mobile JournalismDrohnenjournalismusNewsgames. Auch Virtual Realityinteressiert ihn. Gibt es etwas Neues im Journalismus, ist er sofort angefixt. Dann reserviert er eine Website, sammelt dort Material und eigene Gedanken. „Ich habe ein Radar, das auf Themen anspringt, die sich so langsam entwickeln“, sagt Bösch. Zur Zeit entwickele sich viel, also sammelt er viel. Doch „es war kein Kalkül, diese Buzzwords zu besetzen“.

“Spiele werden zum Leitmedium des 21. Jahrhunderts.”

Auch bei der Produktion von Newsgames müssten journalistisch-ethische Regeln eingehalten werden, findet Bösch. Aber nicht bei jedem selbst betitelten Newsgame auf dem Markt stehe der journalistische Anspruch im Vordergrund. Wie etwa bei “Bin Laden Raid”, einem Spiel mit dem stupiden Ziel, Terroristen zu töten. Zudem eigne sich auch nicht jedes Thema für eine Game-Umsetzung. Im digitalen Zeitalter dominiere das Thema, das in die geeignete Form gebracht werden könne. “Manchmal ist ein Audio das stärkste Medium, manchmal ist es der Text und manchmal eben ein Game. Newsgames kommen vor allem dann zum Einsatz, wenn es um individualisierte interaktive Erlebnisse geht oder wenn Systeme erklärt werden sollen.” Sein aktueller Tipp: das Soziologie-Experiment “Parabel der Polygone”.

Mit den von The Good Evil entwickelten Games sollen die Nutzer lernen und gleichermaßen Spaß haben. Gerade arbeitet Bösch an „Die besseren Wälder“, einem 3D-Game auf Grundlage des Jugendromans von Martin Baltscheit, in dem es um Identität und Erwachsenwerden geht.

Erst kürzlich wurde Bösch nach Taipeh eingeladen, um beim Taiwan Mobile Elite Award 2014 die preisgekrönte Abenteuerspiel-Sprachlern-App “Squirrel & Bär” vorzustellen. Games für Kinder zu entwickeln sei momentan noch einfacher, weil die mit interaktiven digitalen Medien aufwachsen würden – und Eltern bereit seien, für ihren Nachwuchs Geld auszugeben. Die Fremdsprachen-App ist ein Erfolgskonzept, für das Bösch und sein Team bereits mehrfach ausgezeichnet wurden.

Game Over Deutschland

“Ich möchte ganz ganz viel ausprobieren: Mit verschiedenen Stilen, mit verschiedenen Mechaniken, mit verschiedenen Umsetzungsmöglichkeiten arbeiten.” Bösch steckt gerne Zeit in Sachen, auf die er Lust hat. Dazu gehört auch das Spielen mit seiner Tochter. Als er 19 Jahre alt war, kam sie zur Welt. Mit Mitte 20 kaufte er sich deswegen noch einmal alle Nintendo-Konsolen. Heute spielt der Newsgames-Pionier bevorzugt “Thomas was alone”“Proun+” und “Game of Thrones” auf dem Smartphone oder Tablet.

International wird schon länger mit Newsgames experimentiert und Recherchen als Game angeboten. “Cutthroat Capitalism”“Budget Puzzle”und “Sweatshop” sind nur einige Beispiele. Doch “der Markt in Deutschland ist noch kaum existent”, sagt Bösch. Bereits 2012 veröffentlichte er einen Artikel “Warum wir 2013 über Newsgames reden werden”. Der Bayerische Rundfunk und Arte versuchten sich bereits an deutschsprachigen Newsgames. Noch könne man mit einem Game ein Alleinstellungsmerkmal für sich beanspruchen, sagt Bösch: “Mit einem guten Game verbringt man Zeit – und Zeit plus Aufmerksamkeit ist die relevante Währung im Netz.”

Viele deutsche Medienunternehmen haben mit Bösch über Newsgames gesprochen. Dabei bleibt es aber oft auch: “Mit Newsgames kann man in Deutschland im Moment noch keinen Blumentopf gewinnen.”