Mit Inhalt und Ästhetik gegen Klickibunti: Jasper Fabian Wenzel bricht mit Weeklys viele Konventionen des Onlinejournalismus. Statt auf Tempo setzt er auf Zeit, statt auf Meldungen auf lange Lesestücke.

Im ersten Stock der ehemaligen jüdischen Mädchenschule Berlins hängen Fotografien von Martin Schoeller: Lady Gaga und ein Michael Douglas mit violettem Lidschatten. Eine Etage tiefer erzählt Jasper Fabian Wenzel von den Selbstdarstellern seiner Branche: „Es laufen viele Figuren herum, die von Klickzahlen und persönlichen Erfolgen sprechen, sich aber eigentlich nicht für den Journalismus als solches interessieren.“

Wenzel ist Mitgründer des digitalen Magazins Weeklys, einer Plattform für lange journalistische Texte. Für Reportagen und Porträts, die alle eins gemein haben sollen: Qualität und gründliche Recherche. Während die meisten Anbieter ihre Leser mit kurzen Push-News und Informationshappen für zwischendurch ködern, glauben Wenzel und seine drei Mitstreiter Henrik Schütt, Mathis Vogel und Bernhard Moosbauer an einen Leser, der mehr erwartet. Der sich Zeit nimmt. Artikel bewusst sucht.

Zum Beispiel den über einen Mann, der einen Hund liebt. Über den Interviewer Moritz von Uslar, dem jetzt selbst 99 Fragen entgegen geschleudert werden. Oder den über einen Wissenschaftler, der in der Wildnis den nächsten tödlichen Virus jagt. Geschichten, geschrieben von teils ausgezeichneten Journalisten aus Europa. Kurz: Edelprint der Gegenwart – digital aufbereitet.

Weeklys ist eine werbefreie Seite. Über die Artikelvorschau hinaus muss der Leser zahlen. Für zehn Euro gibt es zwölf Reportagen. Der Start der Seite wurde über eine Crowdfunding-Kampagne finanziert. Das Texthonorar in Höhe von 500 Euro kommt derzeit über eine Kooperation zustande: Zuerst erscheint der Artikel bei Weeklys und kurze Zeit später übernehmen ihn die Krautreporter für ihre Community. Gibt es Einnahmen durch den Verkauf von Texten, fließen 50 Prozent auf das Konto der Schreiber. Alle anderen Erlöse sowie „Investitionen von stillen Gebern“ gehen zurück in die Produktion und in die Spesen der Autoren. „Für einen langen Text ist das Honorar natürlich noch viel zu gering, aber wir bemühen uns, das schrittweise zu erhöhen“, sagt Wenzel.

Heute entscheiden Manager, wie Journalismus gemacht werden soll.

Schon früh zog es Wenzel in den Journalismus. Mit 15 schrieb der heute 28-Jährige erste Artikel für die Schülerzeitung. Vor dem Abitur verbrachte er dann mehr Zeit bei der Lokalzeitung Flensborg Avis als in der Schule. Grinsend erinnert er sich, wie der „Alte-Männer-Verein“ ihn anfangs einschüchterte. Und dennoch: „Dort gab es Leute, die Lust hatten, über den Text zu gehen und nur so wurde ich besser. Das ist heute eher selten der Fall.“ Aktuell schreibt Wenzel an seinem ersten Buch. Sich Zeit nehmen für Recherche, für das Bearbeiten von Texten – diese Prinzipien überträgt er seit März 2014 ins Internet. Weeklys-Autoren wie Martina Kix schätzen die Zusammenarbeit: „Jasper und Mathis haben meinen Text toll redigiert und ich finde, der Artikel sieht auf der Seite fast wie Snow Fall von der New York Times aus.“ Jeder Beitrag ist farbig gerahmt und durch hochwertige Fotografien bis zum Ende aufgelockert.

Mit Inhalt und Ästhetik startet Wenzel eine Gegenbewegung zu den von Klickzahlen und Werbeumsätzen getriebenen Angeboten auf dem Markt. Weeklys ist langsam, leise, tiefsinnig. Ein ruhiger Ort in den lauten Weiten des World Wide Web. Er gibt dem Leser das Gefühl, etwas Besonderes gefunden zu haben. Wenzel hat seine eigene Vision: weniger ökonomisch denken, verlagsunabhängiger handeln.

Der Widerstand ist ein persönliches Anliegen aus seiner Zeit an der Axel Springer Akademie. Zwei Jahre ließ er sich dort ausbilden. Heute sagt er: „Dort machen nicht Journalisten Journalismus. Es entscheiden Manager darüber, wie der Journalismus gemacht werden soll.” Und fügt hinzu: “Das finde ich unangenehm.“

Kaum Nutzer, kaum Geld

Wenzel sieht alles andere als eine Journalismus-Krise: „Was für eine geile Journalistengeneration ist das gerade, die noch so viel reist und gleichzeitig dauernd im Netz ist? Das ist eine Realitätswahrnehmung, an die zuvor niemand herangekommen ist.“ Wenn die Verlage nicht bereit seien, diesen Leuten ein angemessenes Einkommen zu sichern, dann müsse man eine Revolution von außen starten.

Mit Weeklys ist ein Projekt entstanden, an dem zwar die Autoren, nicht aber die Gründer etwas verdienen. Kooperationen bestehen derzeit mit Krautreporter sowie Zetland und Long Play, zwei Onlinemagazinen aus Dänemark und Finnland. Die entscheidende Frage ist, ob Weeklys auf Dauer mehr sein wird als ein Non-Profit-Magazin. Es fehlt – fast ein Jahr nach Veröffentlichung – noch immer die Bekanntheit.

„In den ersten vier Wochen hatten wir 20.000 Unique User. Im Moment sind es ungefähr nur 150 Leser am Tag“, sagt Wenzel. Auch an einem anderen Anspruch scheitern die Macher: Ursprünglich war eine wöchentliche Erscheinungsweise geplant, daher auch der Name “Weeklys”. Die Sammlung an Texten wächst trotzdem, aber in unregelmäßigen Abständen.

Gegen das Arschgeweih

Ein Verlag hätte längst das Scheitern des Projekts eingestanden. Doch Jasper Fabian Wenzel macht einfach weiter, ignoriert den Markt. Nicht zum ersten Mal hält er an einer Idee fest. Während des Zivildienstes machte er sich zum ersten Mal selbstständig. Mit einem Freund gründete er ein Fotostudio in einem alten Eckhaus mitten in Flensburg. Als in den Schaufenstern der anderen Fotografen Hochzeits- und Babyfotografien sowie Aktbilder von Frauen mit Arschgeweih hingen, zeigte er reduzierte Porträtaufnahmen. Die Frisur leicht angeschnitten. Nicht jeder verstand das: „Oft kamen die Leute und meinten ‚Sie haben mir die Haare abgeschnitten, ich war extra beim Friseur.’“ Damals dienten ihm Fotos von Martin Schoeller als Vorbild – eben jenes Fotografen, dessen Bilder gerade oben in der Ausstellung hängen.

Ein Text wird durch Klicks nicht schöner. „Er macht gute Laune, weil er kickt, weil er sprachlich gut ist – ein Text, an den ich mich zwölf Monate später noch erinnern kann“, sagt Wenzel und wuschelt sich durch die Haare. „Man reagiert vielleicht auch körperlich. Man lacht hysterisch, es ist einem egal, wer sonst im Bus sitzt, und das ist das, was die Reportage kann.“ Artikel sind für Wenzel Kunstobjekte. Weeklys ist seine Ausstellung.