Piefig, für alte Leute, die Gebühren nicht wert: ARD und ZDF gelten nicht gerade als cool. Stefan Domke und David Ohrndorf beweisen mit Pageflow das Gegenteil: Dank der Software kann jetzt jeder tolle Geschichten im Web erzählen.

Ein Bild gerodeten Regenwaldes, dazu die Rufe der Vögel und das Summen der Wälder. Plötzlich fallen Schüsse. Scrollen. Eine Röntgenaufnahme eines kleinen Körpers, im Hintergrund Krankenhausgeräusche. Scrollen. Ein kleiner Orang Utan liegt auf einem Behandlungstisch. Er atmet schwer, kämpft ums Überleben. Scrollen.

So beginnt “Tödliches Palmöl”. Eine Multimedia-Reportage, die „technisch nicht perfekt ist, von der man aber direkt in die Geschichte gesogen wird“, sagt der freie Journalist David Ohrndorf. Der 38-Jährige muss es wissen. Er und sein fünf Jahre älterer Kollege Stefan Domke haben die Software dafür entwickelt. Pageflow heißt sie, das Format nennen sie Scrollytelling: eine Mischung aus Scrollen und Storytelling.

Als sie das Programm im Frühjahr 2014 auf der Internet-Konferenz Re:publica in Berlin vorstellten, waren die Besucher doppelt überrascht. Nicht nur war erstaunlich, dass aus den grauen Fluren hinter den grauen Betonwänden des WDR heraus das deutsche, digitale Storytelling einen enormen Satz machte. Auch hatten sich die Rundfunkgebühren gelohnt. Die Beitragszahler bekamen etwas zurück, das sich selbst große Verlage oft nicht leisten: Ein Werkzeug, um Geschichten mit Videos und Bildern eindrucksvoll im Web zu erzäheln. Pageflow ist Open Source und darf somit kostenfrei von jedem für eigene Multimedia-Reportagen genutzt werden. Für die beiden entwickelnden Journalisten eine nur logische Konsequenz. “Wir sind ohnehin Freunde des Allgemein-zur-Verfügung-Stellens”, sagt Domke. “Meiner Meinung nach gehört das, was vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk produziert wird, allen Beitragszahlern.”

Ein Chef für Innovationen

Die Zusammenarbeit von Domke und dem etwas stilleren Ohrndorf war ursprünglich eine Art Zwangsheirat aus Liebe. Pageflow ist nicht das erste Kind aus dieser Beziehung. Bereits 2012 startete der vom Hörfunk kommende Domke beim WDR das Online-Projekt Digit. Dafür wurden analoge Filme und Fotografien digitalisiert und die Geschichten dahinter erzählt. Schnell wurde klar, dass die Arbeit nicht allein zu bewältigen war und “irgendwann kam ich an den Punkt, dass es außer David niemanden gab, mit dem man das absehbar über einen längeren Zeitraum als ein paar Wochen machen könnte”, sagt Domke.

“Was vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk produziert wird, gehört allen Beitragszahlern.”

Zur selben Zeit veröffentlichte die New York Times “Snow Fall” und setzte einen neuen Standard für multimediale Geschichten. Aber erst die im Frühjahr 2013 vom Guardian veröffentliche Story “Firestorm” über Waldbrände in Tasmanien brachte Domke und Ohrndorf  dazu, ihrem Chef Stefan Moll ein Angebot zu machen. Eine ästhetische Geschichte mit kurzen Texten, Fotos, Videos und Audios, in die man hineingesogen wird und die nur im Internet funktioniert – das wollten sie, auch wenn solche Entwicklungen teuer sind.

Moll, Leiter des Programmbereichs Internet, gab nur wenige Tage später sein Okay. Domke, Ohrndorf und die Entwicklungsagentur Codevise Solutions nahmen die Arbeit auf. Der sonst so langsam mahlenden Mühle des öffentlich-rechtlichen Rundfunk scheinen sie sich dabei sehr bewusst. “Ein anderer an Stefan Molls Stelle und 80 Prozent meiner Projekte der letzten zehn Jahre wären nicht verwirklicht worden”, sagt Domke.

Seit über zwei Jahren teilen sich Domke und Ohrndorf nun Büro und Ideen. Nie arbeiten „Mr. Page und Mr. Flow“ an nur einem Projekt. Die Grenzen zwischen Freizeit und Beruf sind für sie fließend. Domke, der an der deutschen Hörfunkakademie volontierte, ist der Netzwerker. “Das merkt man auch an seinem Redeanteil”, witzelt der studierte Betriebswirtschaftler Ohrndorf über seinen Partner. Ohrndorf, ehemals erst WDR-Volontär dann Morgenmagazin-Redakteur, wollte irgendwann nicht mehr nur der Verwalter für seine Autoren sein. Wieder selbst anpacken war sein Plan. Er entschied sich für das freie Journalistentum. Bei Pageflow ist er der Mann fürs Technische. Um ihn zu ärgern sagt Domke, er sei nicht lustig.

Den Grimme Online Award nicht wert

Ursprünglich hatten Ohrndorf und Domke mit drei bis vier Pageflow-Geschichten innerhalb der ARD bis Ende 2014 gerechnet. Es wurden über 100 daraus. Auch Die Welt, Blogger und Journalisten im Ausland nutzen Pageflow für ihre Storys. Diese sind mal länger, mal kürzer, mal besser und mal schlechter. Einige der WDR-Geschichten zeigen das volle Spektrum der Möglichkeiten: Videos, Atmogeräusche, Interviews, visualisierte Daten, Vorher-nachher-Darstellungen und vor allem die Macht eines guten, bildschirmfüllenden Bildes. Andere wiederum sind nur die Wiederverwertung von TV- und Hörfunkbeiträgen. “Die Kollegen im Haus finden Pageflow toll”, sagt Domke, “aber es hat jetzt ein Jahr gedauert, bis sie sich von der Quantität verabschiedet haben und weniger Pageflows, dafür aber vernünftig machen.” Ein guter Pageflow nämlich brauche ein Storyboard. Außerdem sei es schwer, im Alleingang sowohl die Story als auch die dafür nötigen, sehr guten Bilder zu produzieren.

Auch Ohrndorf und Domke mussten erst lernen, wie man einen Pageflow baut. Für ihre erste Geschichte “Pop aufm Dorf” hatten sie zu viel Material gesammelt und keine Zeit, alles durchzusehen. Aus dem Vorhandenen eine schöne Story zu machen, wurde quälend. Dafür haben Ohrndorf und Domke einen Grimme Online Award bekommen. “Die Geschichte ist selbstkritisch gesagt keinen Preis wert, weil wir da so reingeschlittert sind. Sie war unser Dummy. Wir haben den Preis wohl auch für das Tool und die Entscheidung, es zu Open Source zu machen, gewonnen”, sagt Domke.

Kritik mussten sie trotzdem einstecken. Zu umständlich sei die Installation des Content Management Systems, zu abgefahren und teuer die Anforderungen an den dafür nötigen Server, sagen einige. Die beiden verteidigen sich: Hürden bei Open Source Lösungen gebe es immer, und Pageflow sei nunmal in erster Linie auf die Bedürfnisse des WDR und seine technische Umgebung zugeschnitten. Die Entwickleragentur Codevise Solutions bietet neben dem kostenfreien Code für den Alleingang auch eine Version gegen Geld, bei der sich die Firma um die Technik kümmert. Sie ist es auch, die Rechte und Verantwortung für das Projekt trägt.

Es gibt kein Zurück

“Auch wenn es manchmal so rüberkommt, als wollten wir euch das Tool verkaufen, ist dem nicht so. Wir hatten nur großen Spaß daran, es zu entwickeln”, leitete Ohrndorf den Vortrag der beiden auf dem Reporter-Forum 2014 ein. Das möchte man den sympathischen Geeks gerne glauben und sich stellvertretend ärgern. Sich beschweren darüber, dass der Bayerische Rundfunk noch einmal ein eigenes Scrollytelling-Tool entwickeln ließ, nochmals Gebührengelder ausgab und fast ein Jahr später unter dem Namen Linius ebenfalls als Open Source Software veröffentlichte.

Ihr Baby Pageflow werden die beiden WDR-Freien weiterhin beim Wachsen und Gedeihen beobachten, ihm neue Fähigkeiten beibringen lassen. “Pageflow ist nicht fertig”, sagt Domke. “Vielleicht wird es irgendwann anders heißen. Aber der Schritt, Foto, Audio und Video miteinander zu verbinden, ist unumkehrbar.”