Dem Geld um die Welt folgen und so erklären, wie alles zusammen hängt: Follow the Money heißt das Projekt von Christian Salewski und seinem Team. Sie wollen sexy über Wirtschaft berichten und damit Geld verdienen. Dabei kommt auch eine Drohne zum Einsatz.

Plastik brennt, giftige Dämpfe steigen auf. Ist das Plastik weggeschmolzen, kommt das wertvolle Kupfer zum Vorschein. Viele in Armut lebende Ghanaer, auch Kinder, wuseln hier herum. Sie gehen ihrer Arbeit nach: Dem Zerlegen von Elektroschrott. Dabei entsteht einer der verseuchtesten Orte der Welt: Agbogbloshi. Das ist ein ganzer Stadtteil der Hauptstadt und Millionenmetropole Accra im westafrikanischen Ghana. Heute verkommt er zu einer Müllkippe.

Mitten unter den von zahllosen Giftstoffen gefährdeten Menschen stand im Mai 2014 auch Christian Salewski. Der Wirtschaftsjournalist aus Hamburg recherchierte hier für seine Geschichte „Die GPS-Jagd! Was passiert mit unserem Schrott?“. „Agbogbloshi – das ist eine Hölle, gebaut auch aus unserem Elektroschrott“, heißt es darin. Denn ein Großteil des Schrotts wurde illegal aus Europa importiert, wie Salewski mit Kollegen bewiesen hat.

Das gelang ihm mit dem Pilotprojekt von Follow the Money. Unter diesem Namen fand sich Anfang 2013 ein Team unabhängiger Wirtschaftsjournalisten um Salewski zusammen. Sie wollen globale Kapital- und Warenströme erklären für jedermann, um deren lokale Auswirkungen zu zeigen. Dafür holen sie die Menschen aus ihrem Alltag ab und nehmen sie mit auf Reisen. Mit einer Drohne spähten sie ein Firmengelände in Deutschland aus, dann fuhren sie bis nach Agbogbloshi.

Eine Wissbegierde, die den 35-Jährigen Salewski selbst an solche Orte bringt, zeigt, wie sehr er seinen Beruf liebt. Er sagt: „Du wirst bezahlt dafür, neugierig zu sein, auch mal Leute zu nerven, Fragen zu stellen. Das ist schon cool!“
Deshalb ließ er sich auch nicht vom Journalismus abbringen, als Ende 2012 die Financial Times Deutschland eingestellt wurde. Dort hatte er sich seit Anfang 2011 gerade eine Perspektive als Titelgeschichten-Reporter erarbeitet. Er fragte sich: „Wieso sollte ich meine Arbeitszeit, meine Energie nochmal in so ein sinkendes Schiff investieren, wenn ich mir auch gleich ein eigenes bauen kann, das dann hoffentlich schwimmt?“

Unternehmenslust statt Frust

Also gründete Salewski gemeinsam mit seinen Kollegen Carolyn Braun, Marcus Pfeil und Felix Rohrbeck Follow the Money. Für sie ist das Projekt eine Perspektive in Zeiten, in denen die deutschen Medienhäuser kaum Alternativen bieten. Denn die arbeiten in festgefahrenen Strukturen. „Innovation im Journalismus muss von kleinen, flexiblen Einheiten kommen“, sagt Salewski. Er findet, die Journalisten, die davon leben und Spaß daran haben wollen, sollten selbst Geschäftsmodelle erfinden: „Journalisten müssen heute mehr denn je auch Unternehmer sein. Unternehmer ihrer selbst und ihrer Ideen.“

„Wieso sollte ich meine Arbeitszeit, meine Energie nochmal in so ein sinkendes Schiff investieren, wenn ich mir auch gleich ein eigenes bauen kann?“

Mit Follow the Money setzten sich Salewski und seine Kollegen deshalb zwei Leitlinien: „Bei Wirtschaftsthemen wollen wir im Alltag der Menschen anfangen und von da aus an komplexen, globalisierten Wertschöpfungsketten entlangreisen.“

Global sollte es für Salewski schon immer sein: Als Schüler der Deutschen Journalistenschule lernte er zwischen 2008 und 2009 einige Monate in Israel und Palästina mithilfe eines Stipendiums den Nahen Osten kennen. 2009 schloss er die Schule ab und berichtete daraufhin aus New York. Dort arbeitete er als Gastreporter bei den Pulitzer-Preisträgern des investigativen Recherche-Teams ProPublica. Ein weiteres Stipendium brachte ihn ins Westjordanland. Nach dem Ende der Financial Times Deutschland war er zunächst in Washington, bevor er schließlich Follow the Money gründete. Vielleicht nimmt Salewski aufgrund der eigenen Bildungsreisen seine Leser so gerne auf ebensolche mit.

Immer dem Geld nach

Die erste dieser Reisen begann mit dem Medium, das die Deutschen täglich im Schnitt am meisten beschäftigt: Fernsehen. Salewski brachte sein kaputtes Gerät nicht einfach zum Schrott. Er wollte wissen, was weiter mit ihm passiert. Das nennt er: „Der Spur des Geldes folgen – ein klassisches Rechercheprinzip.“

Denn in Deutschland ist ein defekter Fernseher nichts mehr wert, für die Entsorgung muss sogar draufgezahlt werden. In armen Teilen Westafrikas versucht man, noch am Material zu verdienen. Container voller ausgedienter Fernseher werden deshalb verschifft – illegal, denn das Umweltbundesamt und EU-Richtlinien verbieten den Export defekter Elektrogeräte. Mithilfe von GPS-Sendern, die das Follow the Money-Team in kaputten Fernsehern versteckte, konnten sie deren Reise Schritt für Schritt begleiten.

Das Publikum konnte dabei jeden Abschnitt mitverfolgen: „Wir recherchieren, soweit es geht, offen und transparent. Wir wollen möglichst authentisch sein.“ Dazu zeigt sich Salewski auch mal verschwitzt und übermüdet nach einem langen Recherchetag im heißen Ghana vor der Kamera. „Normalerwiese würde man sich da so sicher nicht reinschneiden. Aber wir haben gesagt: Das ist so gewesen, lass uns das nicht filtern und auf Hochglanz polieren. Wir haben uns schließlich mal das Motto gegeben: ‚Punk-Rock-Journalism‘.“

Ähnlich wie beim Open Journalism will Follow the Money offen und ungeschönt ehrlich erzählen. Ein weiteres ihrer Prinzipien ist es, die ganze Bandbreite der Medien zu nutzen: Auf der eigenen Website, in Form einer Webdoku, in einer Panorama-Reportage, auf sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter, oder in einem Zeit-Dossier und vielem mehr – überall Schrottfernseher.

Dahinter steckt aber nicht zuletzt ein eigennütziger Gedanke. Bei jedem Reiseabschnitt der Schrottfernseher verdienen immer irgendwelche Händler, Exporteure oder Spediteure ihr Geld. Ähnlich ist jede Veröffentlichung für Follow the Money eine weitere Finanzierungsquelle: „Es gibt genug Wirtschaftsjournalismus, der für irgendwelche Eliten und Experten stattfindet, das allein kann‘s ja nicht sein.“ Jeder weitere Verbreitungskanal soll neues Publikum anlocken, denn: „Das muss sich natürlich am Ende auch rechnen, aber bisher sieht es so aus, als könnte das klappen.“

Einmal frei, nie mehr fest

Die feste Redakteursstelle vermisst Salewski nicht: „Jetzt gerade: nö. Jetzt sind wir mit Vollgas im Start-up-Modus. Wir wollen experimentieren! Mit Darstellungsformen, mit Recherche-Methoden, mit Finanzierungsmixturen.“ Bereits während der Schrottfernseher-Recherche wechselte er dafür Vollzeit zu Follow the Money.

Sogar an neuen Medien hat er Gefallen gefunden, obwohl er damals auf der Journalistenschule noch einen klaren Fokus hatte: „Ich bin nur wegen Print Journalist geworden.“ Nun genießt er die vielfältigen medialen Möglichkeiten: „Das macht natürlich auch Spaß: Das, was man hart recherchiert hat, auf den verschiedenen Kanälen rauszudonnern. Das erhöht ja auch die Reichweite der eigenen Arbeit.“Am wohlsten fühlt sich Salewski als Teamplayer. Seit kurzem verstärkt daher auch Fredy Gareis als Redakteur die Follow the Money-Redaktion. Ein Social-Media-Experte soll folgen. In der Jobbeschreibung versteckt sich ein Hinweis auf einen der nächsten Pläne: „Wenn Du Lust hast, mit uns journalistische Experimente zu wagen und mit unseren Nutzern auf Abenteuerreise zu gehen, würden wir Dich gerne kennenlernen.“

Recherche als Schatzsuche

Salewski ist sich sicher, dass der Nachfolger zur Schrottfernseher-Geschichte ebenfalls hohe Wellen schlagen wird: „Du musst mehr an deine Idee glauben, als jeder andere. Dann kannst du dich dafür richtig motivieren und gehst die Extra-Meile. Und dann wird das auch gut. Davon bin ich überzeugt.“

In Portland an der Westküste der USA begannen Anfang des Jahres die Vorbereitungen für die Suche nach einem lange verschollenen Gemälde. Genaueres will Salewski noch nicht verraten. Nur so viel: Es soll eine interaktive Schatzsuche werden.