Fernsehen kann so geil sein — wenn man es sich selbst macht: Philipp Käßbohrer ist der kreative Kopf des Neo Magazins. Zusammen mit Jan Böhmermann will er das deutsche Programm radikalisieren und das ZDF-Publikum verunsichern.

„Dies ist die Mailbox von Philipp Käßbohrer. Bitte hinterlassen Sie Ihre Nachricht nach dem Yo. Yo!“ So geht das mehrere Wochen, wenn man versucht, Philipp Käßbohrer zu erreichen. Wenn dann doch mal einer seiner Mitarbeiter ans Telefon geht, baut Käßbohrer am Studio, ist in einem Meeting oder produziert gerade das Neo Magazin mit Jan Böhmermann.

“Das deutsche Fernsehen befindet sich in einer Spirale des inhaltlichen Todes”, sagt Käßbohrer, als es endlich klappt. Es sei zu traditionell, zu starr, zu ernst. Das Neo Magazin soll anders sein, Fernsehen für die Generation YouTube, die mehr sehen will als Beauty-Tutorials. Zum Beispiel einen Terroristen-Rap zur Musik des Berliner Schmuserappers Cro: “Würdest du für 72 Jungfrauen Unschuldige umhauen, dann werd’ Konvertit und mach einfach mit bei Isis.”

Das Neo Magazin ist die derzeit radikalste Sendung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Nicht wegen des Retro-Looks oder der anarchischen Ideen, sondern vor allem, weil die Zuschauer herausgefordert werden. Neben dem Moderator Jan Böhmermann sind dafür Philipp Käßbohrer und die von ihm mitgegründete Bild und Tonfabrik in Köln verantwortlich.

Programmrand-Besucher

Eigentlich guckt Käßbohrer kaum fern, jedenfalls nicht die Produktionen der deutschen Sender. Die langweilen ihn nur. Aber schon als Kind saß er gebannt vor “Knight Rider” und anderen US-Serien. Heute holt er sich alle Family-Guy-Folgen auf einmal, online oder auf DVD. Viele seines Jahrgangs, 1983, dürften es ähnlich halten. Schon nach dem Abitur war Käßbohrer klar: Er will selbst Fernsehen machen. Beim SWR lässt er sich zum Mediengestalter Bild und Ton ausbilden. 2007 fängt er ein Studium an der Kunsthochschule für Medien in Köln an.

Mit seinem Freund und damaligen Studienkollegen Matthias Schuld gründet Käßbohrer 2012 die Bild und Tonfabrik. Zunächst arbeiten sie an Kurzfilmen, Werbung und Musikvideos. Mittlerweile ist die Bild und Tonfabrik vor allem mit der Produktion des Neo Magazins befasst. Nach 29 Ausgaben in der Nische von ZDF Neo läuft die halbstündige Show seit Februar auch im großen ZDF – wenn auch nur am “Programmrand”, in der Nacht von Freitag auf Samstag. Dafür gibt es nun ein größeres Studio und eine Liveband.

Eine Sendung im Hauptprogramm. Käßbohrer ist jetzt mitten in der Langeweile und muss sich fragen, was auch den ZDF-Zuschauern gefallen könnte. Oder besser: seinen Eltern. „Alle ansprechen zu wollen ist Unsinn“, sagt Käßbohrer. Er glaubt an einen Mittelweg, zum Beispiel mit einem seiner Wunschgäste: dem Schlagerstar Florian Silbereisen. “Nicht um ihn vorzuführen, sondern um ihn aus seinem gewohnten Umfeld zu reißen.”

Der mit der Pauke

Die Anfangszeiten der Bild und Tonfabrik bezeichnet Käßbohrer als „strukturiertes Künstlerkollektiv“. Wer ein Video zu schneiden hatte, kam vorbei. So wie Jan Böhmermann, der dort seine Beiträge für Harald Schmidt bearbeitete. Man hangelte sich von Projekt zu Projekt, bis das Studium bei Käßbohrer und Schulz immer weniger und die Projekte immer mehr Zeit einnahmen. Darunter waren Musikvideos für Get Well Soon. Mit dem Kopf des Projekts, Konstantin Gropper, war Käßbohrer in Biberach an der Riß, wo er aufgewachsen ist, im Orchester. Käßbohrer war der mit der Pauke.

Die Bild und Tonfabrik ist über solche Kontakte gewachsen. Böhmermann zum Beispiel brachte das ZDF mit, das auf dem Spartenkanal ZDFkultur die Talkshow “Roche & Böhmermann” ausstrahlte. In der Sendung wurde geraucht, getrunken und geflucht. Dafür gab es Kritikerlob und Preise: Käßbohrers erster Beitrag zur Genesung des Fernsehens. Käßbohrer attestiert sich rückblickend “ein gesundes Maß an Selbstüberschätzung.”

Charlotte Roche verließ die Bild und Tonfabrik nach einem Jahr, Böhmermann blieb und wurde zum Gesicht des nächsten Projektes, dem “Neo Magazin”. Nach der Plauderrunde nun intellektuelle Late-Night-Show mit Internetanbindung. Jede Sendung hat einen Hashtag für Twitter und Facebook: #AlaafAkbar, #ZDFiscool oder #RUMMS zur Silvester-Show. Die Aufrufe über die Mediathek zeigen, wie viele Menschen die Sendung verfolgen. Pro Folge sind es rund 300.000. Die herkömmliche Einschaltquote ist zweitrangig.

“Gold vom Crap” trennen

Für Käßbohrer ist klar, dass dem Fernsehen auf Abruf die Zukunft gehört. Er findet, dass die öffentlich-rechtlichen Sender besser in vier bis acht Stunden qualitativ hochwertiges Programm investieren und dafür auf Nachahmungen und Wiederholungen verzichten sollten. “Man muss nicht alles machen wie die anderen, sondern ein Publikum finden”, sagt Käßbohrer. Aufgabe der Sender sollte es sein, das “Gold vom Crap” zu trennen.

Für die eigene Goldproduktion vertraut Käßbohrer nicht allein auf das Internet: Er schaut sich Kunst an, geht ins Museum oder blättert durch seinen „Mood-Ordner“. Darin sammelt er Bilder, die ihn inspirieren sollen, die beim Abtauchen in Themen helfen. Große Vorbilder sind auch die Late-Night-Shows von Jimmy Kimmel oder Jimmy Fallon in den USA. Und schließlich ist da auch immer noch “Knight Rider”.